Ich habe diese "Kolumne" schon vorgestern verfasst, und nun noch ein mal geändert, als das Thema iCloud-Backup durch die Medien ging. Es spiegelt alleine meine Meinung zu dem Thema wider.
Warum ich die zunehmende Öffnung von Apple kritisch sehe.
In den letzten Jahren hat sich die Diskussion rund um Apple grundlegend verändert. Immer häufiger fordern Politiker, Behörden und Wettbewerbswächter, dass Apple sein Ökosystem weiter öffnen soll. Alternative App Stores sollen auf dem iPhone zugelassen werden. Andere KI-Assistenten sollen dieselben Rechte erhalten wie Siri. Cloud-Dienste sollen denselben Systemzugriff bekommen wie iCloud. Selbst zentrale Funktionen des Betriebssystems geraten zunehmend ins Visier der Regulierung.
Viele feiern diese Entwicklung als Sieg für Wettbewerb und Verbraucherrechte. Ich sehe das deutlich anders.
Denn für mich stellt sich eine grundlegende Frage: Warum wird eigentlich ständig versucht, Apple zu etwas zu machen, was Apple nie sein wollte?
Apple war nie ein offenes System. Apple war nie Android. Apple war nie Windows. Apple verkauft seit Jahrzehnten ein Gesamtpaket aus Hardware, Software und Diensten, die perfekt aufeinander abgestimmt sind. Genau deshalb kaufen Millionen Menschen bewusst Apple-Produkte.
Niemand wird gezwungen, ein iPhone zu kaufen. Niemand wird gezwungen, einen Mac zu kaufen. Wer sich für Apple entscheidet, entscheidet sich freiwillig für ein geschlossenes, aber dafür hochintegriertes System. Und genau das ist für viele Nutzer kein Nachteil, sondern der Hauptgrund für den Kauf.
Ich gehöre genau zu dieser Gruppe. Ich nutze Apple nicht trotz des geschlossenen Ökosystems, sondern gerade deshalb. Ich verwende die Geräte und Dienste bewusst so, wie Apple sie entwickelt und vorgesehen hat. Ich suche nicht nach Workarounds, alternativen Stores, alternativen Cloud-Lösungen oder Ersatzdiensten für jede einzelne Funktion. Genau diese enge Verzahnung ist für mich der Mehrwert.
Mein iPhone arbeitet mit meinem Mac zusammen. Mein Mac arbeitet mit iCloud zusammen. Meine Apple Watch kommuniziert nahtlos mit dem iPhone. AirPods wechseln automatisch zwischen den Geräten. Fotos, Passwörter, Dokumente und Backups stehen überall zur Verfügung. Das funktioniert nicht zufällig. Es funktioniert, weil Apple Hard- und Software kontrolliert und alles als Gesamtsystem entwickelt.
Genau deshalb sehe ich viele aktuelle Forderungen nach einer weiteren Öffnung kritisch.
Das beste Beispiel ist iCloud. Aktuell wird diskutiert, ob Apple verpflichtet werden soll, anderen Cloud-Anbietern denselben Systemzugriff zu gewähren wie der eigenen iCloud. Kritiker argumentieren, dass Nutzer vollständige iPhone-Backups auch auf beliebigen Drittanbieter-Plattformen speichern können sollten.
Natürlich wäre das technisch möglich. Die eigentliche Frage lautet aber: Wird das Produkt dadurch besser?
Heute funktioniert ein iPhone-Backup denkbar einfach. Neues Gerät einschalten, Apple-ID eingeben, Backup auswählen, fertig. Millionen Menschen müssen sich um nichts kümmern. Es gibt keine komplizierten Einstellungen, keine NAS-Konfiguration und vor Allem Sicherheitskritische Einrichtung, die hoch komplex ist, um ein NAS in der heutigen Bedrohungslage zu schützen, dazu keine Portfreigaben und keine Kompatibilitätsprobleme.
Sobald jedoch zahlreiche verschiedene Cloud-Anbieter dieselben tiefen Systemrechte erhalten, entsteht automatisch mehr Komplexität. Dann müssen Schnittstellen definiert werden, Sicherheitsmechanismen geprüft werden und unterschiedlichste Anbieter unterstützt werden. Und wenn etwas schiefgeht, beginnt die bekannte Schuldzuweisung. Liegt der Fehler bei Apple, beim Cloud-Anbieter, am NAS oder an einer Schnittstelle? Genau diese Komplexität versucht Apple seit Jahren zu vermeiden.
Noch deutlicher wird die Diskussion beim Thema künstliche Intelligenz. Viele Nutzer ärgern sich aktuell darüber, dass neue Siri-Funktionen und Apple Intelligence in Europa später oder teilweise eingeschränkt verfügbar sind. Häufig wird die Schuld sofort Apple zugeschrieben. Dabei wird oft ausgeblendet, dass Apple gleichzeitig regulatorische Vorgaben erfüllen muss, die tief in die Architektur des Betriebssystems eingreifen.
Die EU möchte verhindern, dass Apple bestimmte Funktionen exklusiv für eigene Dienste reserviert. Das klingt zunächst vernünftig. Die Folge kann jedoch sein, dass Apple neue Funktionen erst verzögert einführt oder komplett überarbeitet.
Auch hier stellt sich für mich dieselbe Frage. Kaufen Menschen ein iPhone, weil sie möglichst viele konkurrierende KI-Systeme konfigurieren möchten? Oder kaufen sie ein iPhone, weil sie erwarten, dass die integrierte Lösung einfach funktioniert? Ich vermute, dass die überwältigende Mehrheit zur zweiten Gruppe gehört und nur einer kleiner Teil, der sich in Foren tummelt, überhaupt das Interesse an Alternativen hat. Das darf man nicht vergessen, wir bewegen uns in einer Tech-Blase.
Dasselbe gilt für alternative App Stores. Lange Zeit war der App Store der einzige Weg, Apps auf ein iPhone zu installieren. Viele Kritiker sahen darin eine Einschränkung der Freiheit. Ich habe das immer anders gesehen.
Der Erfolg des iPhones beruhte auch darauf, dass Apple die Kontrolle über App-Verteilung, Bezahlung, Updates und Sicherheitsprüfungen hatte. Natürlich war dieses System nicht perfekt. Aber es war einfach. Vor allem war es für normale Nutzer sicher. Wie oft habe ich mich persönlich geärgert, wenn ein Abo außerhalb des App-Store vergessen wurde, zu kündigen. Im App-Store gab es eine E-Mail 1 Monat vor Ablauf, 7 Tage vor Ablauf, und die Richtlinie war und ist: ein Abo kann bis zum letzten Tag gekündigt werden, ohne: "ätsch, Du hast die Kündigungsfrist verpasst, willkommen im nächsten Monat / Jahr".
Heute wird oft so getan, als sei jede Form von Kontrolle automatisch schlecht und jede Form von Öffnung automatisch gut. Diese Sichtweise halte ich für zu einfach. Mehr App Stores bedeuten auch mehr Risiken, mehr unterschiedliche Sicherheitsstandards, mehr Betrugsversuche, mehr unterschiedliche Zahlungsmodelle, mehr Möglichkeiten für Schadsoftware und mehr Verwirrung für Nutzer, die sich mit Technik gar nicht beschäftigen möchten.
Viele Menschen kaufen Apple-Produkte gerade deshalb, weil sie genau diese Entscheidungen nicht treffen wollen. Sie möchten nicht überlegen müssen, welcher Store vertrauenswürdig ist. Sie möchten nicht vergleichen, welcher Cloud-Anbieter welche Berechtigungen benötigt. Sie möchten nicht prüfen, welche KI-Anwendung auf welche Daten zugreifen darf. Sie möchten ihr Gerät einschalten und nutzen. Genau dafür steht Apple seit Jahrzehnten.
Was mich an der gesamten Debatte besonders stört, ist ein grundsätzliches Missverständnis. Einige Menschen verlangen von Apple Eigenschaften, die Apple nie versprochen hat.
Wer maximale Offenheit möchte, hat heute bereits hervorragende Alternativen. Android, Windows oder Linux bieten genau die Freiheiten, die viele fordern. Dazu kommt, dass jedem frei steht, auch auf Basis von Android, was als "Custom ROM" ja so frei ist, was eigenes zu bauen. Warum muss ausgerechnet Apple gezwungen werden, dieselbe Philosophie zu übernehmen?
Vielfalt bedeutet für mich nicht, dass jedes Produkt gleich werden muss. Vielfalt bedeutet, dass unterschiedliche Produkte unterschiedliche Ansätze verfolgen dürfen. Android steht für Offenheit. Apple steht für Integration. Beides hat seine Berechtigung. Wenn aber jede Plattform am Ende denselben regulatorischen Anforderungen folgen muss, verschwinden genau die Unterschiede, die den Markt eigentlich interessant machen.
Man kann Apple für vieles kritisieren. Für hohe Preise. Für manche Entscheidungen. Für verspätete Funktionen. Für einzelne Produkte. Aber ich finde es problematisch, wenn Behörden immer stärker definieren, wie ein Unternehmen seine Produkte intern gestalten muss.
Denn irgendwann stellt sich die Frage, wo die Grenze liegt. Muss Apple alternative Cloud-Dienste tief integrieren? Muss Apple alternative KI-Assistenten gleichstellen? Muss Apple alternative App Stores zulassen? Muss Apple alternative Bezahlsysteme unterstützen? Muss Apple alternative Sprachassistenten standardmäßig erlauben?
Und wenn all das vorgeschrieben wird, wie viel von der ursprünglichen Apple-Philosophie bleibt dann überhaupt noch übrig? Ich habe Apple nicht gekauft, weil es das offenste System am Markt ist. Ich habe Apple gekauft, weil es das Apple-System ist. Weil Hardware, Software und Dienste zusammen entwickelt werden. Weil alles aus einer Hand kommt. Weil ich mich möglichst wenig mit Technik beschäftigen möchte und möglichst viel Zeit habe, die Technik einfach zu nutzen.
Ein weiteres Argument ist, dass Apple seine Nutzer immer stärker an das eigene Ökosystem bindet und ein späterer Wechsel dadurch aufwendiger wird. Das halte ich grundsätzlich für richtig. Gleichzeitig ist genau das seit Jahren bekannt und für jeden sichtbar. Niemand kauft versehentlich ein iPhone, eine Apple Watch oder einen Mac. Jeder hat die Möglichkeit, sich vorab zu informieren und bewusst zu entscheiden. Ich halte Verbraucher für mündig genug, die Konsequenzen ihrer Kaufentscheidung selbst abzuwägen und dafür auch Eigenverantwortung zu übernehmen.
Genau das funktioniert für mich seit Jahren hervorragend. Deshalb sehe ich die zunehmende regulatorische Öffnung von Apple nicht als Fortschritt. Manchmal wird ein Produkt gerade durch seine klare Architektur erfolgreich. Und manchmal besteht echter Wettbewerb nicht darin, dass alle gleich werden, sondern darin, dass unterschiedliche Philosophien nebeneinander existieren dürfen.
Feuer frei..